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Afghanistan

24. bis 31. Oktober

„Für’s Vaterland gabst Du Dein Blut!“ – Ein wirklich schönes Stück Hindukusch zum verteidigen, wie man sieht.

Währung: 1 € = 68–70 Afghani;
der 1 US$ (= 50 Afghani) als Zweitwährung.
Monatseinkommen: Landarbeiter 2000 Afg.; US$ 45 (Postbote („Habibullah Hakimi ist seit 36 Jahren Briefträger in Kabul. … Nach Abzug von 12,50 Euro für die staatliche Rentenversicherung bleiben Hakimi im Monat 45 Euro Nettogehalt. Eine Krankenversicherung gibt es nicht, Steuern muss er bei seinem niedrigen Einkommen nicht bezahlen. Mit seiner Familie lebt er mietfrei im Haus seines Schwiegersohns. Es gibt dort keinen Strom, Wasser schöpfen sie aus einem Brunnen. Fast zwei Drittel seines Einkommens gibt Hakimi für Grundnahrungsmittel aus. Weil seine Frau krank war, hat er 1200 Euro Schulden bei Verwandten.“ Postbote in Afghanistan von: http://www.brandeins.de/archiv/2008/mythos-leistung/ein-postbote-in-afghanistan/)); Manager 12000 Afg.; Präsident Karzai: US$ 500 (offiziell, hüstel). Arbeitslosigkeit 35–40%.


Die wichtigsten Städte in Afghanistan.

„Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.”
Fontane, Das Trauerspiel von Afghanistan.

„der Nato-Einsatz hat seinem Land «viele Tote, aber keine Vorteile» gebracht”
Operettenpräsident Hamid Karzai. („Für grosses Befremden namentlich beim deutschen Verteidigungsminister de Maizière sorgte überdies [diese] Äusserung“ NZZ 2013-10-24, http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/zukunftsplaene-fuer-afghanistan-1.18172664)

Ich kann hier nicht schon wieder in die Politik abschweifen, aber nach einer Woche in der vormals deutschen Besatzungszone in Nord-Afghanistan, habe ich den Eindruck, daß dieser gesamte Einsatz und das propagandistisch Drumhum, mit dem tumben deutschen Volk die „Humanität“ der Sache schmackhaft gemacht wurde war die größte Verarsche seit 1939!
Mir fällt vieles ein, das aber ordentlich belegt und verlinkt gehört, (1) Zur Auffrischung der Vorgänge sei empfohlen ; Afghanistan, der Krieg und die neue Weltordnung; Hamburg (Konkret); ISBN 3-89458-209-X.) 2) Wie man das Ganze deutscherseits offiziös sieht findet sich in Zentralasien-Analysen, Nr. 64 (26. Apr. 2013), Herausforderung Afghanistan: Die Sicherheitslage in Zentralasien nach 2014. wahrscheinlich werde ich mich an anderer Stelle demnächst dazu auslassen.


Der ultimative Angeber-Stempel im Paß.
Für US$ 81 am selben oder nächsten Tag problemlos erhältlich.

Während meines einwöchigen Aufenthalts in Afghanistan habe ich auf offener Straße keinen einzigen Weißen getroffen. Lediglich ein auf einer Parkbank in der Nähe des Ali-Schreins Sitzender offensichtlich indischer Herkunft, verriet durch seine Kleidung die ausländische Herkunft. Gesprochen haben wir miteinander nicht.
In Masar ist die Bevölkerung vergleichsweise offen, viele versuchen ihre paar Brocken Englisch ausprobieren, man wird unaufdringlich angesehen und angelächelt. Anders ist die Situation in Kundus – außer extrem ausdauernden weiblichen Bettlerinnen – wird man nur stille beäugt, wobei der Blick auffallend oft auf die Schuhe fällt. Ich nehme an Armeestiefel wären hier die falsche Fußbekleidung gewesen. Geht man jedoch auf die Leute zu (meist Händler) wird man hilfbereit und anständig behandelt, wobei es doch einige Ausnahmen gibt, die die Regel bestätigen.

masar-i-sharif

Von der usbekischen Grenze ging es dann, durch nichts als Wüste mit teilweise die Straße gefährdenden Wanderdünen 75 km die Straße runter nach Masar-i-Sharif (Mazāri Sharīf, Farsi: مزارِ شریف). Deren Ausweitung wird auch durch die Bevölkerungsexplosion auch bei Ziegen, die alles was an Trockenbüschen noch wächst kahlfressen verschlimmert. Zur Linken der Hauptstraße die neue für die Versorgung der Besatzungstruppen gebaute eingleisige Bahnstrecke zwischen der Grenze, von wo Anschluß an das allgemeine zentralasiatische Bahnnetz besteht, zum Camp Marmal. An Fahrgastverkehr für die Bevölkerung hat man nicht gedacht. Dafür finden sich etliche nach Schema F gebaute Polizeiposten, hingestellt und schon nach wenigen Jahren dem Verfall preisgegeben, „bewohnt“ von Angehörigen eines Volkes, dem die Konzepte von Wartung und Sauberkeit im westlichen Sinne vollkommen fremd und wohl auch nicht zu vermitteln (Nun ist der Orientale an sich, das beginnt mit der semitischen Tradition, daß Betrug nur dann strafbar ist wenn er an einem Glaubensbruder begangen wurde, für unser Verständnis pe se unehrlich. Auch für die Idee von „Menschenrechten“ fehlt unter Muslimen jegliches Verständnis: „Viele Frauen übergießen sich selbst mit Benzin und entzünden es dann. Frauen und junge Mädchen, die hierin die einzig ihnen verbleibende Fluchtmöglichkeit sehen, einer ungewollten Heirat oder einer Bestrafung seitens ihrer männlichen Familienangehörigen für 'Schamloses Verhalten,' wie ohne männliche Begleitung auf die Straße zu gehen, zu entgehen suchen. Alleine in Herat waren es im zweiten Halbjahr 2004 über 150 Mädchen und Frauen, die dieser grausigen Selbstverstümmelung den Vorzug vor einer eventuellen Bestrafung gegeben haben. Genauso schrecklich sind die Verletzungen, die Frauen sich aus den genannten Gründen selber zufügen, wie das Schlucken von Glasscheiben oder Rasierklingen, Nadeln oder ähnlichem.“ Quelle, mit weiteren ausführlichen Schilderungen von Dreistigkeiten. Diesen ignoranten Leuten ist nicht zu helfen, und beliebig ausnützen kann man sich auch nicht. Mithin Deckel drauf und runterspülen, solange „Toleranz“ nicht zu gegenseitigem Geben und Nehmen führt.) sind. Dafür leidet man dann, bei einer Analphabetenrate von 49% für Männer und 82% für Fauen unter der höchsten Kindersterblichkeit von 191 Promille.

Das Zentrum der Stadt ist das Ali-Mausoleum, die „blaue Moschee,“ mit ihrem großen Park rundum. Der Zutritt zum Inneren ist für Ungläubige verboten. Die seit einigen Jahren laufende Renovierung schreitet fort. Im Westen wird gegenwärtig ein neuer Flügel mit Minaretten angebaut. Die Wände auch der Tore zum Park an den Kardinalpunkten werden neu gekachelt. Es ist so ziemlich die einzige Sehenswürdigkeit in einer lauten, staubigen und wie überall in Afghanistan sehr schmutzigen Stadt, wozu die ungefilterten Autoabgase ebenso beitragen wie die offenen Kohlefeuer überall.
Meine Unterkunft war direkt beim Südausgang, für 500 Afg. gab es ein Zimmer mit Satelliten-TV (Gott sei Dank für Test-Cricket!) und ein Gemeinschafts-Plumpsklo, das man immerhin absperren konnte und auch noch Wasser aus dem Hahn floß.

Der Imam-Ali Schrein (Mausoleum samt Moschee)
Ali Masar 1 Ali Masar 2 Ali Masar 3 Ali Masar 3
Alle Bilder können durch Anklicken, auch als Galerie, vergrößert werden.

Aus deutschen, japanischen und schwedischen Steuermitteln hat man das neue Balkh Provincial Hospital 2011 hingestellt. Bis jetzt hält sich der Verfall in Grenzen. Deutlich häßlicher ist das deutsche Generalkonsulat am Darwaz-e-Balkh, vormals das Gelände des Mazar Hotels. „Keine Wahrnehmung von Rechts- und Konsularaufgaben – nur Nothilfe. Keine Erteilung von Visa.“ Man hat ganz offensichtlich etwas zu verbergen, denn konsularisch tätig ist man ja offensichtlich nicht. „Der Generalkonsul ist gleichzeitig Leiter des multinationalen SCR-Stabes (SCR = “NATO Senior Civilian Representative;“ Zitate von: http://www.kabul.diplo.de/) des Regional Command North im Camp Marmal.“ Der Sicherheitsfuzzi hat mich überings fürs Photographieren angeschissen. Nachdem ich ihm erklärt habe, daß hier ganz offensichtlich meine Steuern verschwendet worden sind, hatte er ein Einsehen.
Auffällig ist, daß sich zwar zu jedem gespendeten Kindergartenstuhl schnell Informationen im Netz finden, zu diesem Kasten aber, abgesehen vom Westerwell’schen Eröffnungstrip 2013 nichts. Da werde ich weiter graben müssen. Übernommen hat man die Bude von den Amis, die zwischen 2009 und 2012 statt der ursprünglich geplanten US$ 26 Mio., 80 Mio. verbraten haben, nur um dann festzustellen, daß die Lage ihren Vorstellungen von Sicherheit (“American officials say they have abandoned their plans, deeming the location for the proposed compound too dangerous.” Von: http://diplopundit.net/2012/05/06/us-consulate-mazar-e-sharif-80-million-and-wishful-thinking-down-the-drain-and-not-a-brake-too-soon/ und http://diplopundit.net/tag/consulate-mazar-e-sharif/) nicht entspricht. Da fragt man sich zum ersten: Sind unsere Sicherheitsanforderungen zum Schutz des Personals niedriger als die der Amis? Hat man die Bude, der Grund war von den Amerikaner nur auf elf Jahre gepachtet, etwa geschenkt bekommen?

Generalkonsulat Masar-i-Sharif.
Konsulat 1 Konsulat 2 Konsulat 3


Personal einer höheren Mädchenschule in Masar.


Afghanisches „Tuk-tuk.“ Fast blickdicht, daher auch von Frauen in Burka zu benutzen.


Die „gute Stube“ im Hause meines Gastgebers. Vom Rest des Hauses oder weiblichen Familienmitgliedern sah ich nichts.

Am zweiten Tag bin ich auf der Straße von einem Englischlehrer angesprochen worden, der mich zunächst in die Privatschule an der er unterrichtete mitschleppte. Vormittags arbeitete er in der Verwaltung einer Spedition. Im Chefbüro wurde ich Kuriosum vorgezeigt. Dabei kam auch ein bärtiger, älterer Afghane der Sorte „verwittert.“ Als ich sein Alter schätzen sollte versuchte ich höflich zu sein und sagte „60,“ er sah deutlich älter aus. Tatsächlich war er 48! 35 Jahre Krieg haben da doch Spuren hinterlassen.
Schließlich wurde ich dann zum Abendessen nach Hause gebeten. Bevor das Essen serviert wurde, kam noch der Auftritt des Vaters, besser gesagt des Patriarchen. Eindeutig eine Respektsfigur, vebreitete er eine natürliche Autorität um sich. Es folgte die Einladung jederzeit in seinem Haus Gast zu sein, gefolgt von einer fünfminütigen Dankesrede, daß Deutschland beim Petersberger treffen „Afghanistan eine Regierung gegeben“ habe. Ansonsten Dank an „Frau Merkel,“ die ihre Soldaten zur Unterstützung der Amis geschickt hat. „Wir bewundern das starke Deutschland“ – wäre es nicht besser gewesen wir Deutschen hätten den Krieg gewonnen?, dann wären die Briten und Amis gar nicht erst hergekommen usw. „Schade, Hitler war ein guter Mann“ etc. pp. Ich habe ihm dann mein Führerbild als Andenken überreicht. Würdevoller Abgang des Vaters … Ingesamt fanden sich vier Brüder ein, der älteste seit acht Jahren Wachmann im Camp. Er war enttäuscht, daß man sein Gesuch nach Deutschland als Asylant mitgenommen zu werden, abgelehnt hatte. Gegen Ende des Abends wurde mir klar warum – er hielt mir einen 1½stündigen Vortrag über die Feinheiten der Lebensgeschichte des Imam Ali, die von seinem Bruder eifrig gedolmetscht wurde, aber extrem ermüdend war. Falls er das mit den beiden deutschen Offizieren, die schon früher bei der Familie zu Gast gewesen waren auch getan hat, konnte er froh sein den Job überhaupt noch zu haben. Ich hätte auf seine Akte jedenfalls „Islamistenverdacht“ gestempelt. Der jüngste der vier Brüder, etwas schwerhörig, war eindeutig der intelligenteste. Weshalb man solches unqualifiziertes Personal überhaupt mitnehmen sollte, erschließt sich mir nicht. Sie haben sich in vollem Bewußtsein des Risikos das sie eingehen für gutes Geld, freiwillig und ohne Zwang anheuern lassen. Auch von Afghanen muß man eine gewisse Selbstverantwortung verlangen können, wenn sie von Gier motiviert waren, so müssen sie auch dem Nachbarn, der ihnen vor Neid eine Handgranate in den Hof wirft tolerieren, denn daß solches passieren kann, war ihnen zweifelslos von Anfang an bewußt (Handgranaten werfen ist eine örtliche Sitte, die „muß ich eben tolerieren,“ gelle?). Dank, daß sie durch die Stelle ihre – durch mangelnde Geburtenkontrolle übergroße Familie – ernähren konnten, ist in dieser, auf Falschheit und Egoismus basierenden Männergesellschaft („Allah sei Dank!“) sowieso nicht zu erwarten.

frontstadt kundus

Mit dem Sammeltaxi kam ich nach gut fünf Stunden in Kundus an. Hier ist die letzten zehn Jahre „Deutschland am Hindukush verteidigt“ worden. 56 Soldaten starben den Heldentod fürs Vaterland, in Masar gibt es im Lager ein Ehrenmal. Gesagt wurde in Masar, a) die Leute in Kundus seien „komisch“ und b) “security is very bad.” Nun habe ich es zunächst einmal vermieden nachts hinauszugehen, aber die Leute schienen normal zu leben, so schlecht konnte die Lage also nicht sein.

Den Taliban-Angriff auf die Staatsanwaltschaft mit acht Toten und zehn Verletzten am 27. Oktober habe ich leider verpaßt. Wir sind zwei Stunden zu früh am “High Court” vorbeigefahren, dabei hätte ich auch gerne mal exklusive Bilder an die SZ verkauft. Meine erste Absteige lag etwa 200 m vom Ort des Geschehens, ohne daß irgendjemand im Basar von den Schüssen etwas gehört oder seine Geschäfte unterbrochen hätte. (youtube-Video) Ich erfuhr erst am nächsten Morgen davon, als mich ein Sicherheitsbeamter, zufällig mit meinem Hotelwirt verwandt, auf der Straße ansprach und mir etwas erzählen wollte, was aber mangels gemeinsamer Sprache nicht gelang. Erst als wir uns zufällig zehn Minuten später in der Lobby wieder trafen hat man gedolmetscht. Mir wurde drei Tage später erzählt, er habe noch einmal besorgt angerufen und gefragt ob ich vielleicht geisteskrank sei, weil ich tagsüber alleine in der Stadt herumlaufe?
Angeblich haben 2013 1700 Touristen Afghanistan besucht.

Eindrücke von Kundus
Kundus Straße Kundus Kundus Kundus Kundus Kundus Kundus
Alle Bilder können durch Anklicken, auch als Galerie, vergrößert werden.


In diesem Bad funktionierte außer dem hinten sichtbaren roten Haupthahn gar nichts. Den mußte man absperren, weil sonst der Spülkasten dauernd überlief. Zum Zähneputzen also erst Klospülen, dann Haupthahn auf, das Waschbecken benutzen. Haupthahn wieder zu.


Das Idealbild einer afghanischen Braut. Vielleicht ist das mit der Burka doch keine so schlechte Idee?

Durch jahrelange Anwesenheit von Besuchern in offizieller Mission, mit fettem Spesenkonto, sind die Hoteliers der Stadt selbstzufrieden und teuer geworden. Die gebotenen Unterkünfte sind, Stand Okt. 2014, angesichts der gebotenen Qualität, um etwa ein Drittel bis die Hälfte überteuert. Wie auch bei vielen Händlern fehlt oft die realistische Vorstellung der Kaufkraft eine Dollars und viel mehr noch die Kenntnis, daß gutes Geld auch guten Service erfordert.

Als vollkommener Reinfall erwies sich das „Ariana Hotel & Wedding Hall,“ das im populärsten Reiseführer lobend erwähnt wird – und mich in meiner Verachtung für LP erneut bestärkt hat. Für US$ 20 (nicht verhandelbar) gibt’s Zimmer über der genannten Banketthalle, laut, teils ohne Fenster. Vollkommen ungepflegt, geputzt wird auch nach Gästewechsel nur auf Anforderung, selbst dann sind saubere Laken nicht zu bekommen. Ich kann mich nicht erinnern wann ich zum letzten Mal in einem Hotel verlangt habe, das Zimmer nachzuputzen. Die Sanitäranlagen sind landestypisch ungepflegt. Warmwasserboiler und TV sind nicht funktionierende Staffage. Warmes Wasser, auch im Eimer, ist nicht erhältlich. Vollkommen unangemessenes Preis/Leistungsverhältnis. Als ich dann abends noch verlangte, man möge für Licht im Bad sorgen – jeder Blinde sah, daß nicht die Birne, sondern der aus Wand hängende Lichtschalter das Problem war, hieß es, nach zwanzig Minuten vorgertäuchter Lampenwechselaktivität, dann müsse ich eben im Dunkeln scheißen … Auf weitere Nachfrage beim Chef dann: „Wenn’s Dir hier nicht gefällt, kannst Du ja woanders hingehen.“ Was ich am nächsten Morgen dann auch getan habe, dabei, ohne jegliche Gewissensbisse, zu zahlen vergessend.

Umgezogen bin ich dann eine Straße weiter ins Haji Torabaz Khan Guest House (vormals: 7 Days GH). Verlangt werden teuere US$ 50 p.P., verhandelbar auf 2000 Afg; m. F. Also pro Tag das Monatseinkommen eines Landarbeiters. Bis 2009 mit deutschem Management, seitdem durch Pächter deutlich herabgewirtschaftet, bemüht sich die Eigentümerfamilie um besseren Service. Große Zimmer mit sauberen Bädern, die lauwarmes Wasser haben. Einige Zimmer mit Satelliten-TV (nur orientalische Sender). Im Innenhof findet sich wohl das einzige Stück gepflegten Rasens der Stadt. Ein 2007 begonnener Pool wurde nie vollendet. Der Laden ist bei weitem nicht perfekt. In jeder fränkischen Pension bekommt man für weniger Geld deutlich bessere Ausstattung.
Hilfreich waren die leidlich englisch sprechenden Angestellten und ein Neffe des Eigentümers, der, nachdem er in Norwegen aufgewachsen war, gut Englisch sprechend, seine Cousine geheiratet hatte und nun in Kundus lebte. Von ihm habe ich einiges zu den Hintergründen erfahren. Er war jedoch ein vergleichsweise strenger Korangläubiger: “Our religion, which we love more than our families …” Ihm schien meine Einstellung, daß es mir gleichgültig ist ob ich nun von einem Taliban erschossen werde, oder vom LKW überfahren würde, zu gefallen (Letzteres ist auch in Afghanistan deutlich wahrscheinlicher!). Es kam dann eines Abends zu einer längeren Unterhaltung über Kismet, jene musulmanische Vorstellung, daß das Schicksal eines Menschen vorherbestimmt sei. Daraus leitete er zum Beispiel ab, daß es vollkommen in Ordnung wäre wenn eine Familie sieben oder neun Kinder habe, die sie sämtlich nicht ernähren kann, bzw. die dann mit vier oder sechs Jahren zum Betteln oder Schuheputzen geschickt werden. Das sei eben das Schicksal der Kinder, nicht die Schuld der Eltern. Der Onkel bemerkte dann, er hoffe mein, nur einer, Sohn würde in meinem Alter hoffentlich für mich sorgen – das Konzept eines solidarischen Sozialversicherungssystem war ihm nicht verständlich. Zwei weitere Besucher präsentierten mir dann noch einen zweisprachigen Koran. Diese 800 g zusätzliches Reisegepäck hab ich dann in Dushanbe dem amerikanischen Juden überlassen.
Große Erheiterung löste es aus als ich erzählte, daß ich beim Friseur gewesen war. Das war so befremdlich, weil die Herren Befreier, die zehn Jahre Kundus beschützt haben, scheinbar nie aus ihren gepanzerten Fahrzeugen gestiegen sind und im Basar eine Runde gedreht haben. So gewinnt man nie die “hearts and minds.” Auch die noch in Kundus stationierten UNMOG-Beamten sieht man nur in Ihren fetten SUV fahren.

Haji Torabaz Khan Guest House, Kundus
GH 1 GH 2 GH 3 GH 4 GH 5

Als ich ursprünglich die Reise geplant habe, sah auf der Karte die Straße nach Faizabad und von dort ins tadjikische Khorog oder Ishkarshim eigentlich ganz gut aus. Von dort den Pamir-Highway entlang wäre bestimmt schön gewesen. Daß eine in Afghanistan durch die Berge führende „Straße“ ab Ende September nicht unbedingt befahrbar ist bzw. befahren wird, hatte ich als verwöhnter Europäer übersehen. Das GBAO-Permit war also umsonst beantragt worden. Stattdessen ging’s direkt Richtung Dushanbe in Tadjikistan.

grenzübergang shir khan bandir

Das Prozedere hab ich auf wikivoyage im Artikel Grenzübergang Shir Khan Bandar/Panji Poyon ausführlich beschrieben. Zur dort gemachten Bemerkung „Vor der Einreise nach Tadjikistan ist unbedingt zu prüfen, ob das datumsspezifische Visum für den Einreisetag schon gültig ist. Vorzeitiges Erscheinen hat die Rückweisung oder, sollte man am Vorabend erscheinen, stundenlanges Sitzen im Niemandsland zur Folge,“ muß ich aber doch ein bißchen ausführen:

Ich hatte nach einer Woche Afghanistan nun wirklich genug, besonders da Kundus mit seinem Dreck, wenig freundlichen Menschen und teuren Hotels nur den Basar zum Herumlaufen zu bieten hatte. Daraufhin bin ich ganz bewußt schon am 31. Oktober zur Grenze gefahren, obwohl ich wußte, daß mein Sichtvermerk erst ab 1. November gültig war. Der Ort selbst gilt als „Hafen,“ weil bis zur Eröffnung der Brücke vor einigen Jahren – bezahlt mit US$ 37 Millionen vom amerikanischen Steuerzahler – mit Fähren übergesetzt wurde.

Nachdem man sich am afghanischen Zollhäuschen von dem Schock erholt hatte, daß ein weißer Ausländer ohne Diplomatenpaß vorbeikam, mußte man mich wohl oder übel dienstbeflissen hineinbitten, um mein Gepäck zu „inspizieren.“ Ich mußte den Clipverschluß am Rucksack aufmachen, zwei Sekunden später dann wieder zu! “Have a nice day.” An der Paßkontolle stand doch glatt ein Einheimischer vor mir. Das Ausreisen dauerte so lange wie man braucht die persönlichen Daten (Religion des Vaters ?) in ein dickes Buch zu schreiben. Mit dem neuen Familienamen „Deutsch“ verließ ich offiziell Afghanistan.

Shir Khan Bandir
Straße Afghanen  Strom Brücke 1 Brücke 2

Auf der anderen Seite fiel dann dem zweiten Grenzer auf, daß mein Sichtvermerk erst ab dem folgenden Tag gültig war. Sein Kollege hatte mich schon durchgewinkt (das übliche „Minchen? FC Bayern; Mercedes; Gitler – gutt.“) Es folgte längeres Palaver bis man entschied, den „Komadier“ zu holen, der dann auch bald kam. Mehr Palaver, ein Afghane steckte mir, daß man sich schon entschlossen hatte mich reinzulassen, aber erst mußte noch ein bißchen Show abgezogen werden.

Die tadjikische Zoll- und Grenzabfertigung arbeitet noch nach sowjetischem Vorbild vergleichsweise pingelig. Einheimische „dürfen“ die Abfertigung durch – relativ offen über den Tisch geschobene Geldscheine – bechleunigen. Der Tarif is 20 S. (€ 3) für den Stempel im Paß, je nach mitgebrachter Warenmenge 40-50 S. für die Zöllner. Von westlichen Ausländern wird kein Schmiergeld verlangt. Gepäck wird routinemäßig durchleuchtet und durchsucht. Bargeldbeträge von Weltwährungen sind mündlich zu deklarieren. Die meisten Reisenden müssen im Hinterzimmer ihre Taschen leeren. Dabei sollte das restliche Gepäck keinesfalls unbeaufsichtigt im Vorraum bleiben, Diebstähle daraus durch das Personal sollen häufig vorkommen. Bei der Einreise erhält man ein zusätzliches Formular, welches bis zur Ausreise aufzubewahren ist.

Nachdem ich wieder eingepackt hatte, unter Bewachung in ein abgezäuntes Areal zum Büro des Majors mit einem weiteren Offizier. Tee trinken, es wird eine Verwandte angerufen, die Englisch kann, telephondolmetschen, hin- und her, mehr Tee, nochmal telephonieren, noch mehr Tee, gebracht vom Burschen, irgendwann bringt ein Grenzer meinen Paß, der vorm Major hingelegt wird und erstmal liegenbleibt, denn es gibt – Tee. Nach einer weiteren Runde telephondolmetschen, unterbrochen von einer weiteren Schale Tee dann: “Welcome to Tajikistan.” Sechs Stunden früher als erlaubt. (Der Stempelabdruck im Paß ist aber verdächtig schwach.)

Der Major wollte mich dann hinausbringen – zum Burschen gewandt, sagte er, was sinngemäß wohl hieß: „Soldat! Tragen Sie den Rucksack dieses Mannes!“ was dieser dann bis zum Tor tat, dem nächsten Soldaten mein Bündel aufschnürend, wurde der gerade vorbeikommende Minibus angehalten – im gesamten Grenzbereich darf man als Zivilist nicht zu Fuß gehen. Freundlich vom Major beim Einsteigen in den Kleinbus verabschiedet, ging es dann die zweihundert Meter zum Sammeltaxen-Standplatz. Dem Busfahrer, der von zwei anderen Passagieren dreist 5 Sonomi verlangte, war das wohl nicht geheuer. Ich bekam eine Freifahrt.

Die beiden Afghanen im Bus, einer ein ehemaliger UN-Mitarbeiter, der auch schon in Mali stationiert war, arrangierten sich sofort mit mir zu einer Fahrgemeinschaft nach Dushanbe und handelten den Fahrer auf faire US$ 60 bis zur Haustür herunter. Kutschiert wurden wir in einem gepflegten schwarzen Mercedes mit 350000 km am Tacho. Mit mir versuchte dann der Fahrer dan den „gestiegenen Fahrpreis“-Trick beim aussteigen, angeblich war des Sonomi rapide gefallen …